Zwischen Stall und Garage mit Oswald und Felix Auracher

Vollgepackt mit Erinnerungen

Seit über 90 Jahren hat sich der traditionsbewusste Familienbetrieb Auracher als Speditions- und Umzugsprofi in Stuttgart einen Namen gemacht.

Mit einem ordentlichen Ruck öffnet Felix Auracher das Garagentor und die Sonnenstrahlen fallen auf die blitzblank geputzte Front eines geparkten Oldtimer-Lieferwagens. „Der LP 322 ist das älteste unserer insgesamt fünf Fahrzeuge und seit dem ersten Juli 1959 in unserem Familienbetrieb im Einsatz“, erklärt der groß gewachsene Mann. Sein Vater Oswald Auracher holte das Fahrgestell seinerzeit persönlich im Mannheimer Werk ab und überführte es – nur auf einer Obstkiste sitzend – nach Eislingen zum Aufbau. „Als er den Wagen hierher brachte, war ich grade mal sieben Jahre alt“, erzählt Felix Auracher. Mit dem Wagen verbindet ihn daher nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch eine Vielzahl von Erinnerungen. Zum Beispiel an die vielen Fahrten, bei denen er oder seine Geschwister neben Vater Oswald Auracher auf der Frontbank saßen. Oder an das erste Mal, als Felix Auracher sich selbst hinters Steuer setzen durfte. Und natürlich die unzähligen abenteuerlichen Tourneen, auf die man das Orchester des Stuttgarter Staatsorchesters als Spediteur begleitete.

Seit 1921 existiert das Umzugsunternehmen Auracher in Stuttgart

Klassisch aufgebaut

Angefangen hatte alles 1921, als Karl Jakob Auracher in Stuttgart Heslach ein Fuhrgeschäft gründete. 1933 wurde ein erster Motorwagen gekauft, um der immer größeren Nachfrage für Transporte aller Art gerecht zu werden. 1945 übernahm Karl Jakob Aurachers jüngster Sohn Oswald das Familienunternehmen. Der gelernte Automechaniker hatte bereits im Alter von 17 Jahren schwere Holzvergaser-Lastwagen gefahren, teilte aber wie sein Vater auch die Liebe zu den klassischen Kutschen und Pferden und die Sorgfalt, mit der er sich um den familiären Besitz kümmerte. Mittlerweile hat sich die Firma Auracher auf Umzüge und Transporte, sowie auch internationale Speditionen spezialisiert. Neben ihrem LP 322 besitzt die Familie heute einen 1965er LP 911, einen 1976er LP 1319 sowie zwei Fahrzeuge neueren Datums, die allerdings nicht weniger gepflegt werden als die Oldtimer. Bis auf den neuesten Wagen, einen Actros von 2008, sind alle mit Aufbauten aus dem Eislinger Staufen-Werk versehen; der 1831 L verfügt über eine seltene Hannoveraner Warnecke-Karosserie. Mit seinem im Kastenaufbau integrierten Kippfahrerhaus ist er vermutlich einer der letzten sogenannten Pullmänner auf Deutschlands Straßen.

„Ich bin halt ein Mercedes-Mann.“

„Man fährt schon ganz anders mit den alten Autos, passt viel mehr auf, ob irgendwo ein Ast im Weg ist und ist auch beim Einladen um einiges vorsichtiger. Und ein bisschen Muckis braucht man auch, um den Wagen zu fahren“, lacht der Umzugsmann Felix Auracher, „denn das Steuerrad ist weit entfernt von einer Servolenkung.“ Von Zeit zu Zeit werden die Wagen restauriert. Kleinere Arbeiten übernimmt er selbst, für umfangreichere Restaurationen bringt man die Wagen seit Jahrzehnten zur selben Garage – ebenfalls ein Unternehmen mit Tradition. „Ich bin halt ein Mercedes-Mann“, erklärt Oswald Auracher, der in diesem Moment vom Büro auf den Vorhof des Büro- und Wohnhauses tritt. Das habe sich wohl irgendwie so ergeben. Privat fährt er seit vielen Jahren einen wunderschönen 280er SE.

Das Interieur des LP 322 ist sehr gut erhalten

Am Heslacher Hof

In breitem Schwäbisch erzählt der 89-Jährige aus der Geschichte des Unternehmens, führt zusammen mit seinem Sohn durch die verschiedenen Räume, Garagen und Stallanlagen. Denn Oswald Senior hat nicht nur eine Schwäche für Pferdestärken, sondern auch für echte Pferde und Kutschen. Mitten im Stuttgarter Heslach fühlt man sich darum wie auf einem Bauernhof, wenn man ihm durch Kutschengarage und Pferdestall folgt. „Meine Frau und ich waren beide begeisterte Reiter, auch die Leidenschaft für alte Kutschen teilte sie mit mir. Bei Umzügen auf dem Land hab ich immer gefragt, ob vielleicht noch eine alte Kutsche in der Scheune stehe, so kam ich zu meiner Sammlung“, erklärt Oswald Auracher und führt vorbei an einer Schlittenkutsche, Viktoria-Kutsche, Landauer und anderen antiken Ein- und Zweispannern. „Schauen sie sich nur dieses Leder an“, schwärmt er und fährt mit der Hand über ein schwarzes Sitzpolster. „Das wurde an König Wilhelms Hof fabriziert, ist somit weit über hundert Jahre alt.“ Rad an Rad stehen die Gefährte fein säuberlich geputzt und gepflegt nebeneinander aufgereiht und warten darauf, am Wochenende von ihrem Besitzer vor eines der sechs Pferde gespannt zu werden.

Alles bleibt in der Familie

Fast alle Familienmitglieder arbeiten im Transportunternehmen und teilen die Faszination für Oldtimer-Fahrzeuge, Kutschen und Pferde. Drei der vier Kinder arbeiten im Betrieb und kümmern sich mit genauso viel Sorgfalt und Liebe um Autos und Geschäft. Martin Auracher bearbeitet im Büro gerade die laufenden Aufträge, als wir die ausgeblichenen Fotos an den Wänden bestaunen. Seit über 70 Jahren fahren die Aurachers die Instrumente des Staatsorchesters quer durch die Welt, Kerngeschäfte bleiben allerdings die Umzüge. „Das Geschäft ist schon härter geworden in den vergangenen Jahren“, meint Oswald Auracher, der noch immer die Leitung des Betriebs innehat. „Aber wir haben einen guten Namen und werden von den Leuten oft empfohlen“, erklärt Oswald Auracher und winkt durchs Fenster einer jungen Nachbarsfamilie zu.

Der Umzugsservice ist das Herzstück der Firma: Viele Kunden fragen explizit nach einem Oldtimer

„Die sind alle gleich schön.“

Felix Auracher hat mittlerweile einen alten schwarzen Ordner aus dem Büroregal gezogen und blättert mit sichtlicher Freude durch die Sammlung alter Fahrzeugpapiere und TÜV-Dokumente. „Viele Leute verlangen ausdrücklich nach einem alten Wagen für ihre Umzüge. Und wenn man mit den Autos auf den Stuttgarter Straßen unterwegs ist, freuen sich die Leute, hupen einem zu“. Natürlich erhalten die Aurachers auch diverse Kaufangebote für ihre Vans. „Die meisten würden gerne Wohnmobile daraus machen oder sowas. Aber das kommt für uns nicht in Frage. Schließlich brauchen wir die Wagen ja auch noch alle.“ Welches denn sein absoluter Lieblingswagen sei, möchten wir von Oswald Auracher wissen, bevor wir uns verabschieden. „Die sind alle gleich schön“, meint Oswald Auracher mit einem sanften Lächeln. Und läuft winkend zurück ins Haus zu seiner Familie.

Die fünf Oldtimer Busse des Familienunternehmens in Stuttgart.

Die Besitzer

1921 gründete Karl Jakob Auracher in Stuttgart Heslach ein Fuhrgeschäft. Er belieferte Händler und Handwerker mit Waren und transportierte bald auch die Musikinstrumente für das Orchester des Stuttgarter Staatstheaters. Anfang der Fünfziger Jahre wurde komplett auf motorbetriebene Wagen umgestellt, der Familienbetrieb spezialisierte sich auf Umzüge und Möbeltransporte und transportiert bis heute Musikinstrumente für das Staatstheater. Heute beschäftigt der Familienbetrieb insgesamt 10 Mitarbeiter, der Fuhrpark umfasst 5 Fahrzeuge. Geleitet wird das Unternehmen von Oswald Auracher, der nächstes Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiert.