Legendärer Mercedes-Benz Van: mit dem MB 100 auf Zeitreise

Ein roter MB 100 steht an einer Küstenstraße

Der MB 100 – so besonders und wandelbar wie seine Besitzer: ein Ausflug von den Ursprüngen des Transporters bis hin zu heutigen Abenteuern.

Gekommen, um zu bleiben

Ein Hauch von Nostalgie umgibt den MB 100, der heute liebevoll als „Kutter“ bezeichnet wird. Denn Reisen mit dem Kleinbus werden mehr zur Segeltour als zum Roadtrip – so die Umschreibungen der Besitzer. Der Vorgänger des heutigen Vito bot damals wie heute jede Menge Platz für Handel, Handwerk und Dienstleistungsbereiche. Bis zu neun Personen fanden Platz in dem kompakten Transporter – kein Wunder also, dass Retro-Liebhaber nicht selten auf das Allround-Talent stoßen, wenn sie ein Fahrzeug suchen, um es zu ihrem eigenen kleinen Camper umzubauen. Doch wessen Herz beim Anblick des kantigen Design-Schmuckstücks höherschlägt, sollte bei Angeboten schnell sein, denn produziert wurde der Transporter nur von 1888 bis 1995 – im spanischen Baskenland, genauer gesagt in Vitoria. Wichtig: Den Kleinbus gab es in fünf Typen, vom MB 100 bis zum MB 180. Die Zahl verwies hierbei auf die jeweilige Nutzlast von 1,0 bis 1,8 Tonnen.

Timeline
 1952 DKW-Schnelllaster unter der Leitung von IMOSA (Tochtergesellschaft der Auto Union)
ab 1963  F 1000 L
 1965 Übernahme durch Volkswagen: Export nach Deutschland eingestellt
 1972 Gründung MEVOSA (Mercedes-Benz y Volkswagen S.A.)
 1974 Volkswagen beendet Zusammenarbeit mit MEVOSA: Geburtsstunde Mercedes Benz España (offizielle Namensänderung: 1981)
 1975 – 1987  MB N 1000 / N 1300
 1988 – 1995  MB 100
 1986  MB 100: Technische Überarbeitung
 1987  MB 100 D
 1991  MB 100: Optische Überarbeitung
1991 NECAR 1 (New Electric Car) auf der Basis des MB 100
Ein gelber N 1300 steht in einem Innenhof, vor ihm ein Mensch mit Kamera

Zurück nach Vitoria und alles auf Anfang

Doch zurück zu den Ursprüngen des MB 100: Seine Geschichte begann schon Mitte des vorigen Jahrhunderts. In Vitoria entstand ab 1952 der sogenannte DKW-Schnelllaster – unter der Leitung von IMOSA, einer Tochtergesellschaft des Automobilkonzerns Auto Union. Ab 1963 wurde dort auch der berüchtigte F 1000 L produziert, der mit seinem außergewöhnlich kantigen Design als Ursprung des MB 100 gilt. Nach der Übernahme durch Volkswagen wurde der Export des Fahrzeugs nach Deutschland eingestellt, um dem dort angebotenen leistungsstärkeren VW-Transporter keine hauseigene Konkurrenz zu machen. Der Rückzug von VW aus der Zusammenarbeit mit der 1972 gegründeten MEVOSA bedeutete die Geburtsstunde von Mercedes-Benz España – und im Jahr 1975 die des MB N 1000, dessen Front nun nicht länger die Ringe der Auto Union zierten, sondern der Stern von Mercedes-Benz.

Grünes Papier, bedruckt mit Abbildung des DKW F 1000 L

Bessere Ausstattung für Folgemodelle

Schnell stieß der N 1000 an seine technischen Grenzen: Zum Zweck des Personen- und Nutztransports war sein Motor nicht ausgelegt. Mit dem N 1300 stockte Mercedes-Benz auf und stattete diesen mit einem Vierzylinder-Dieselmotor (OM 615) mit 55 PS und 2,0 Litern Hubraum aus.

Ein hellblauer N 1300 steht auf einer Straße

Weitere Verbesserungen fanden sich unter anderem beim Fahrgestell, bei der Federung, der Kupplung und dem Getriebe. Da er vorwiegend für den südeuropäischen und nordafrikanischen Markt produziert wurde, exportierte der Konzern ihn nicht nach Deutschland. Das änderte sich mit seinem Nachfolger – dem MB 100.

Das erste Elektroauto der Welt ging in die Geschichte ein

Im Jahr 1986 wurde der MB 100 technisch überarbeitet: Alle nachfolgenden Modelle des Jahres 1987 waren mit einem 2,4-Liter-Dieselmotor und 53 kW (72 PS) ausgestattet und trugen den Namen MB 100 D. Weitere Überarbeitungen folgten. Das Ergebnis: neue Sicherheitssysteme wie Front-Scheibenbremsen und automatisches Lastabbremsungssystem sowie eine abgeschrägte Kühlerpartie, die die passive Sicherheit des Fahrzeugs erhöhen sollte.

Ein weiterer elementarer technischer Fortschritt fand sich im 1994 von Daimler-Benz präsentierten NECAR 1 (New Electric Car) – auf Basis des MB 100. Als erstes Brennstoffzellenauto mit einem Elektromotor mit 41 PS erreichte es bis zu 90 km/h und musste erst nach 100 Kilometern wieder aufgeladen werden.

Ein gelbes NECAR 1 steht am Straßenrand

Vom Transporter zur Großraum-Limousine

Der MB 100 diente nicht nur als praktikable Basis vieler Umbauten bis hin zu Feuerwehrfahrzeugen, sondern wurde auch in einer exotischen Variante zu einem echten Luxus-Transporter. Denn 1989 wandelte AMG den einfach gehaltenen MB 100 D kurzerhand zu einer Großraum-Limousine um. Der Vito-Vorgänger erhielt in Affalterbach von AMG ein robustes Karosseriebauset plus futuristischer Gestaltung. Die Sonderausstattung des AMG MB 100 D beinhaltete eine Hydrolenkung, eine spezielle AMG-Instrumententafel mit Tachometer mit erweiterter Skala sowie eine Frontspoiler-Stoßstange und einen Kühlergrill mit Doppelscheinwerfern.

Fahrersitz und Cockpit eines AMG MB 100 D

Zu den Highlights im Innenraum zählten vor allem die mit Alcantara-Leder ausgestatteten Sitze, Klapptische und Seitenverkleidungen. Mit Extras auf Wunsch, wie beispielsweise Video- und Telefonanlage oder Teppichbodenausstattung, gehörte die Limousine mit einem Komplettpaketpreis von circa 95.000 D-Mark (circa 48.500 Euro) den Modellen der Extraklasse an.

Mit dem „Kutter“ um die Welt

Ein Ausflug mit dem MB 100 gleicht eher einem Schwimmen als einem Fahren. Kein Wunder also, dass Besitzer ihren Minibus oft liebevoll als „Kutter“ bezeichnen. So auch Mareen und Daniel aus Herford bei Bielefeld. Seit 2012 erkunden die beiden gemeinsam die Welt. Mit dem MB 100 haben sie immer auch ein Stück Heimat dabei. Was die beiden besonders an ihrem Reisemobil schätzen, sind Entspannung und Entschleunigung:

„Wir merken, mit wie wenig man glücklich sein kann. Das überträgt sich auch auf den Alltag: Wir bekommen wieder einen frischen Blick auf das Leben“, sagt Daniel. Durch die Freiheit und Ungebundenheit, die ihr „Reisekutter“ mit sich bringt, steht ihnen die Welt offen: Heute Wandern in Dänemark, morgen zu den Nordlichtern in Schweden – mit Treibstoff, Neugierde und natürlich dem MB 100 ist das alles möglich.

Der MB 100 fährt durch eine Wüstenlandschaft

In „1916 kilomètres“ durch die Vergangenheit

Mit ihrem MB 100 „La Strada“ schippern Hélène und Paule-Élise auf den Spuren der Vergangenheit – entlang an der Frontlinie des Ersten Weltkriegs. „Es fühlt sich an, als wäre man auf einem Boot. So entspannt ist es, den MB 100 zu fahren”, erklärt Paule-Élise begeistert.

Ein Mensch schaut aus dem Fenster eines weißen MB 100

Ihr Reisemobil fanden sie in Provins, einer kleinen Gemeinde Nordfrankreichs, wo ein Rentnerpaar einen würdigen Nachbesitzer suchte. In ihrem Blog „1916 kilomètres“ teilen Hélène und Paule-Élise ihre Erlebnisse mit der Welt: stets auf den Spuren der Vergangenheit, aber niemals getrennt von der Gegenwart.

Liebe geht durch den Magen

Nicht nur als Reisemobil ist der MB 100 heute im Einsatz, auch Freunde der Essenskultur sind auf den Geschmack gekommen:

Foodtrucks sind der neue Renner und erfreuen sich sowohl bei den Gästen als auch bei den Betreibern hoher Beliebtheit. Aus diesem Grund eröffneten drei Jungs aus Norddeutschland ihre „Kathedrale des guten Geschmacks“: „Holy Dogs“ nennt sich ihr Laden und es gibt, wie der Name erahnen lässt, Hot Dogs für Hamburg und Umgebung. Für alle Infos hier der Steckbrief:

Mit ihrem umgebauten MB 100 D versorgen die Jungs von „Holy Dogs“ Hamburg und Umgebung mit leckerem Essen.

Fotos: Daniel Barral, Mareen Henke, Michael Palatini, Robert Schlossnickel, Andrea Thode, Boudou Reuzé, Matthias Sperber, Mercedes-AMG, Vans of Berlin, Josep Jorba, Francisco Cardoso