Die Holzkanus von Gull Lake Boat Works: Handwerk trifft Leidenschaft

Hundert Prozent Natur

Die Tür der Tischlerei geht auf. Wir werden von einem offensichtlich gut gelaunten Mann in Arbeitskleidung empfangen und mit einem festen Händedruck begrüßt. Ein paar Holzspäne hängen noch in seinem Bart, denn Marc Russell war gerade dabei, einige Holzwerkstücke für ein neues Boot zurechtzusägen, als wir an die Tür geklopft haben. Marc ist der Gründer und Inhaber von Gull Lake Boat Works. Und wenn er von einem Boot spricht, dann sind keinesfalls protzige oder hochmotorisierte Motoryachten gemeint: Nach seiner Ausbildung zum Bootsbauer bei Canadian Canoes hat sich der sympathische Kanadier voll und ganz auf den Bau von Holzkanus spezialisiert. So entstehen hier, in der Nähe von Toronto im Südosten Kanadas, seit 2008 Naturprodukte mit echtem Charakter und einem ganz speziellen Charme. Gebaut, um ein ganzes Menschenleben zu überdauern – gute Pflege und gelegentliche Restauration vorausgesetzt.

Kanu Holz Handwerk Gull Lake Boat Works Kanada

„Unter 50 Arbeitsstunden ist nichts zu machen“

Wer bei Gull Lake Boat Works an die Tür klopft, hat die Wahl zwischen vielen unterschiedlichen Kanutypen. Prinzipiell versammeln sich unter dem Begriff Kanu die Untergattungen Kajak und Kanadier. Der Unterschied findet sich in der Bauform: Kajaks haben ein geschlossenes und Kanadier ein offenes Verdeck. Je nach Bauform werden die Holzgerippe angeordnet. Sie sorgen letztendlich für Stabilität und Steifheit des Rumpfes. Auch kommen unterschiedliche Holzsorten zum Einsatz. „Unter 50 Stunden ist solch ein Kanu oder Kajak nicht zu bauen. Bei unseren maßgeschreinerten Modellen sind wir über hundert Stunden mit dem Bau beschäftigt“, erklärt uns Marc. Dass solch ein individuelles Produkt nicht zum Discounter-Preis zu haben ist, versteht sich fast schon von selbst: Ab 4.800 kanadischen Dollar geht’s los, doch die Preisspanne reicht bis hin zu 7.000 kanadischen Dollar, was umgerechnet circa 3.500 bis 5.200 Euro entspricht. Individuelle Anfertigungen mit exotischen Hölzern oder individuellen Lackierungen können den Preis noch deutlich nach oben schrauben. Dafür paddelt man dann mit einem absolut einzigartigen Schmuckstück über das Wasser. Apropos Paddel: Auch die werden bei Gull Lake Boat Works gefertigt. In Handarbeit, versteht sich.

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Der Stoff, aus dem Kanuträume sind

Der Bau eines Kanus startet nicht etwa in der Werkstatt, sondern im Wald. Hier wächst der Rohstoff, aus dem in vielen Stunden liebevoller Handarbeit echte Kanuträume entstehen. „Nur bestimmte Holzsorten eignen sich für den Bau eines Kanus,“ erklärt uns Marc und fährt fort: „Leicht und gleichzeitig stabil muss es sein sowie ständiger Feuchtigkeit und schlechter Witterung trotzen können. Wir verwenden daher hauptsächlich Zedernholz: Je nach Kanutyp weißes oder rotes. Es ist wegen seiner enormen Biegsamkeit besonders gut für Kanus geeignet. Zusätzlich verwenden wir verschiedene Harthölzer, darunter rote und weiße Eiche, Kirschholz oder auch Mahagoni. Aber Handwerkskunst und gutes Holz sind nicht alles“, betont Marc. „Über die Haltbarkeit eines Bootes entscheidet auch, wie gut der Besitzer damit umgeht.“

Holz, Schweiß und Späne

Ein Boot komplett aus Holz zu fertigen erfordert jede Menge Geschick und Knowhow. Seit Jahrhunderten werden die Boote nach einem ähnlichen Prinzip gebaut. Obwohl Gull Lake Boat Works erst seit 2008 existiert, sind Marc und seine Truppe, die aus zwei in Vollzeit angestellten Mitarbeitern besteht, schon absolute Vollprofis im Bauen von Holzkanus. Dabei sind vor allem Tischlerkenntnisse gefragt: Zuerst müssen die Holzwerkstücke mit unterschiedlichen Sägen in die richtige Länge gebracht werden. Die Holzrippen, die das Boot stabilisieren und zusammenhalten, werden dann in die entsprechende Form gebogen und mit Schrauben und Nägeln fixiert, mit dem Bootsrumpf verbunden und verleimt. Damit die geleimten Bauteile richtig halten, müssen sie mit Klammern zusammengepresst werden. Das ist bei einem Kanu besonders anspruchsvoll, da der Rumpf sehr viele Rundungen aufweist. Manche der Boote sind im Fertigungsprozess deshalb komplett mit dutzenden Klammern übersäht. Ein Prozess, der einige Stunden dauert.

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Damit die Qualität der Kanus auf einem hohen Niveau bleibt, hat das Team seine Arbeitsprozesse vom Kleben bis hin zum Einwachsen der fertigen Bootshülle vereinheitlicht. Von einer Serienproduktion ist man hier jedoch meilenweit entfernt. Zum Glück! Die Tischlerei ist eine Mischung aus kreativer Unordnung und Schöpfungsstätte. Bei Restaurationen von alten Booten und Reparaturarbeiten ist zudem das Improvisationstalent der Profis gefragt. Hier müssen neue Holzstücke so angepasst und angebracht werden, dass sie perfekt zum alten Rumpf passen. Marc bringt seine Vision auf den Punkt: „Aus etwas Unperfektem etwas Perfektes erschaffen. Das macht unser Handwerk aus.“

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„Handgefertigte Produkte sind wertiger“

Während wir weiter durch die Werkstatt schlendern, in der neben Sägen, leeren Kaffeebechern, Hämmer und Holzwerkstücken auch zwei fertige Kanus stehen, erzählt uns Marc die Geschichte des Kanus in Nordamerika – und gibt uns zu verstehen, warum er handgefertigte Kanus aus Holz ihren Pendants aus Kevlar und Co. vorzieht: „Bis in die 1940er Jahre hinein wurden die meisten Kanus aus Holz gebaut. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen zu den klassischen Herstellern wie Chestnut oder Peterborough noch Flugzeugbauer hinzu, die Materialien aus der Flugindustrie beim Kanubau einsetzten. Dann wurden die Kanus aus Fiberglas und Kevlar gebaut. Heute kommt auch Carbon-Fiberglas zum Einsatz. Aber ein Holzkanu ist bei guter Pflege dennoch viel haltbarer und Holz ist im Gegensatz zu Kunststoff auch noch biologisch abbaubar.“ Die Unterschiede zwischen einem Kanu aus Kunststoff und einem aus Holz haben in den Augen von Marc Russell aber noch einen großen emotionalen Aspekt: „Natürliche Materialien und handgefertigte Produkte haben einen höheren Wert für ihren Besitzer als Produkte aus der Massenproduktion. Hier besteht in der Regel ein intensiveres Verhältnis zwischen Erbauer und Produkt und ebenso zwischen Produkt und Benutzer.“

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Aus Liebe zum Handwerk

Unser Besuch bei Gull Lake Boat Works neigt sich dem Ende zu. Marc bereitet noch schnell ein Kanu für eine Testfahrt vor – es ist für einen Kunden, der das Boot morgen abholen möchte. Zum Abschied hält der entspannt wirkende Kanadier noch eine Überraschung für uns bereit: „Tatsächlich besitze ich privat keines der Boote, die ich baue. Ich fahre aber sehr gerne Kanu und schätze dessen Bedeutung für die nordamerikanische Kultur. In meiner Freizeit gehe ich aber lieber wandern oder bergsteigen. Der wahre Grund, warum ich diesen Job mache ist, weil ich es liebe, Dinge zu erschaffen und zu bauen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass jeder Mechaniker bei Lamborghini auch einen eigenen Diablo in seiner Garage stehen hat.“ Damit hat er vermutlich Recht – aber eines von Marcs Kanus hätten wir dann doch schon gerne für unsere Garage mitgenommen …

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